Mehrere Studien haben mittlerweile gezeigt, dass tVNS therapeutisch wirksame Effekte erzielen kann, die denen der invasiven Vagusnervstimulation nahekommen (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice).
So berichten Untersuchungen von klinisch relevanten Verbesserungen bei Patienten mit Depression oder Epilepsie unter tVNS – in Einklang mit den bekannten Erfolgen der implantierten VNS (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice).
Der große Vorteil liegt auf der Hand: tVNS kommt ohne chirurgischen Eingriff aus und ist somit ein wesentlich schonenderer Ansatz, der auch früher im Therapieverlauf eingesetzt werden könnte (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice).
Darüber hinaus wird tVNS als neuromodulative Therapie in verschiedenen weiteren Indikationen erforscht. Beispiele sind Tinnitus, Migräne und chronische Schmerzsyndrome, bei denen durch Stimulation am Ohr oder am Hals vielversprechende Effekte beobachtet wurden (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice).
Erste Pilotstudien deuten etwa an, dass sich durch tVNS die Symptomintensität bei chronischem Tinnitus reduzieren lässt und bestimmte Aktivitätsmuster im Gehirn normalisieren (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice) (Frontiers | Critical Review of Transcutaneous Vagus Nerve Stimulation: Challenges for Translation to Clinical Practice).
Auch in der Schmerztherapie (z.B. Fibromyalgie, Cluster-Kopfschmerz) und bei entzündlichen Erkrankungen wird der Einsatz der Vagusnervstimulation untersucht – getragen von der Erkenntnis, dass der Vagusnerv über den cholinergen Entzündungsreflex das Immunsystem mitbeeinflusst ( A review of vagus nerve stimulation as a therapeutic intervention – PMC ).
So zeigten Studien an Rheuma- und Asthma-Patienten anti-entzündliche Effekte durch VNS, was Hoffnung auf neue Behandlungsansätze weckt ( A review of vagus nerve stimulation as a therapeutic intervention – PMC ).
Zwar stehen für viele dieser Indikationen noch umfangreichere klinische Studien aus, doch das Potential der tVNS erstreckt sich bereits jetzt über ein breites Spektrum an Fachrichtungen – von Neurologie und Psychiatrie bis hin zu Gastroenterologie (Reizdarm-Behandlung) und Kardiologie (Vorhofflimmern-Therapieansätze).
Ein zentrales Forschungsfeld ist die Wirkung der tVNS auf die Herzfrequenzvariabilität (HRV).
Die HRV – also das natürliche Auf und Ab der zeitlichen Abstände zwischen Herzschlägen – gilt als wichtiger Marker für die Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus. Ein hoher HRV-Wert spricht für einen gesunden Vagustonus und Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems, während eine geringe HRV oft mit Stress und erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse einhergeht. Mehrere Arbeiten belegen, dass tVNS die HRV signifikant erhöhen kann (Transcutaneous auricular vagus nerve stimulation and heart rate variability: Analysis of parameters and targets – PubMed).
Durch Vagusreizung verschiebt sich die autonome Balance in Richtung Parasympathikus, was messbar als Anstieg z.B.
des RMSSD-Indexes oder der High-Frequency-Komponente der HRV kurzdarauf sichtbar wird (Transcutaneous auricular vagus nerve stimulation and heart rate variability: Analysis of parameters and targets – PubMed).
In einer kontrollierten Pilotstudie an gesunden Probanden führte tVNS über den Ohrtragus beispielsweise zu einem deutlichen Zuwachs der vagusvermittelten HRV gegenüber Schein-Stimulation (The effect of bilateral transcutaneous vagus nerve stimulation on heart rate variability and impulsivity – Brain Stimulation: Basic, Translational, and Clinical Research in Neuromodulation).
Dieses Ergebnis stützt die Annahme, dass tVNS den „Relaxationsnerv“ aktiviert und somit objektiv nachweisbare physiologische Veränderungen bewirkt.